Inseltied | Magazin
01 | 2023
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Albertus Akkermann

© Privat

Wo Akkordeonklänge im Watt erklingen

Auf einem musikalischen Spaziergang eine einzigartige Flora und Fauna entdecken: Mit Albertus Akkermann wird die Wattwanderung auf Borkum zu einem ganz besonderen Erlebnis 

„Sing ein Lied für den Ozean, sing ein Lied übers Meer“ - was einst Rio Reiser sang, ist für Albertus Akkermann als Borkumer Jung‘ und versiertem Musiker Herzenssache. Eben auch, weil der gebürtige Insulaner die Nordsee und das Wattenmeer liebt. Seine Liebe zur Natur und die Leidenschaft für die Musik hat Borkums dienstältester aktiver Wattführer auf ganz spezielle Weise miteinander verbunden: Wenn bei ihm anstelle einer normalen einmal eine „Watt‘n Konzert“-Wanderung ansteht, gehören nicht nur Funkgerät, Kompass, Rettungsseil und Grabegabel zur Ausrüstung, sondern er schultert sein Akkordeon und wird zum singenden Wattführer. Rund zweieinhalb Stunden dauert so eine Konzertreise auf einer Bühne, die ihresgleichen sucht: dem nur während der Ebbe freigegebenen Meeresboden.

Und dort bekommen die Teilnehmer dieser speziellen Wattwanderung dann einen ganz besonderen naturkundlichen Einblick in die Flora und Fauna des Wattenmeeres und erleben, neben einer allein schon optisch beeindruckenden Kulisse, einen einzigartigen Klangteppich:  Wind, Meeresrauschen und das Schreien der Möwen sind stimmungsvoll mit Akkordeonklängen und Gesang verwoben. Wenn das noch nicht für Gänsehautmomente sorgt, dann gibt es, da diese Spezial-Wanderungen hauptsächlich abends stattfinden, mit dem Sonnenuntergang zur Krönung noch ein faszinierendes Farbenspiel obendrein. „Wenn das Licht das Watt regelrecht flutet, dann sorgt das für eine ganz unvergleichliche Atmosphäre“, schwärmt Albertus Akkermann. 

Keine typischen Seemannslieder, sondern Songs und Balladen von Element of Crime, Rio Reiser und Brel

Wer zum ersten Mal an einer „Watt’n Konzert“-Veranstaltung teilnimmt, dürfte dabei vermutlich überrascht sein, dass er hier eines nicht zu hören bekommt: typische Seemannslieder! Zum Repertoire gehören vielmehr Chansons von Jaques Brel, Songs von Element of Crime und Rio Reiser, aber auch traditionelle Meeres-, Küsten- und Volkslieder sowie Eigenkompositionen. Und diese sind auch nicht durchgehend zu hören, sondern an bestimmten Stellen im Watt oder passend zu den Watt-Geschichten, die der Wattführer parat hat, wie zum Beispiel zu Muscheln. Dann kann es sein, dass der stimmgewaltige und virtuose Musiker mit „Molly Malone“ ein irisches Volkslied spielt, das auch unter dem Titel „Cockles and Mussels“ („Herzmuscheln und Miesmuscheln“) bekannt ist.

 „Ich spiele Stücke, die man nicht unbedingt auf dem Akkordeon erwarten würde und die zur augenblicklichen Stimmung passen“, erklärt Akkermann. „Watt und Musik, das passt einfach zusammen“, findet er. „Hier ist alles unplugged“, ergänzt er schmunzelnd. Und deshalb gibt es bei seinen Führungen auch Natur pur zum Anfassen, um sie begreiflich zu machen.  Denn er will nicht einfach nur Wissen vermitteln, er möchte, dass die Menschen „Kontakt mit dem Watt aufnehmen“. Wer mit ihm durchs Watt watet, weiß deshalb danach nicht nur über die Tücken von Schlick und Prielen Bescheid, sondern hat auch hautnah miterlebt, dass das Watt vielleicht aussieht wie eine Wüste, aber einer der lebensreichsten Räume der Erde ist. „Im Boden brodelt geradezu das Leben!“

Ein ganz besonderer Lebensraum: Bei Wattwanderungen geht es auf Spurensuche nach „Sandscheißern“ und „Turbobuddlern“

Dabei hinterlassen die „unsichtbaren“ Lebewesen durchaus Spuren an der Oberfläche, man muss sie nur zu lesen wissen. Und wer das kann, erspäht zum Beispiel schnell das Zuhause des Wattwurms: Hinter bzw. unter jedem kleinen Sandhaufen, der wie ein Spaghettihaufen aussieht, verbirgt sich ein Exemplar, das sozusagen Sand „scheißt“. Diesen isst er nämlich und filtert essbare Partikel heraus. Der Wattwurm wird 20 bis 40 cm lang und gewinnt zwar sicherlich keinen Schönheitswettbewerb, ist aber von großer Bedeutung für das Ökosystem des Wattenmeeres. Nicht nur hübsch, sondern auch „schnell“, weil gut zu Fuß, sind wiederum Herzmuscheln. Wer hätte gedacht, dass Muscheln einen Fuß besitzen? Und der ist nicht nur zum Springen da, sondern vor allem zum Eingraben! 

Eindrucksvoll stellen diese „Turbobuddler“ ihre Fähigkeiten unter Beweis, wenn der Wattführer ein Muschel-Wettrennen veranstalten lässt. Eine Aktion, die wiederum eines der vielen Beispiele dafür ist, wie es ihm gelingt, den Wanderungsteilnehmern die Natur - anschaulich und mit „Wow!“-Effekten packend - näherzubringen. Wobei immer auch eine gute Portion Humor mit im Spiel ist. Döntjes inklusive: Denn auch das Spinnen von Seemannsgarn beherrscht das Borkumer Original perfekt! Zudem verfügt er über eine ansteckende Begeisterungsfähigkeit fürs Wattenmeer und dessen Bewohner, die er auch nach abertausenden von Wanderungen nicht verloren hat. Und so hat er schon viele Menschen mit seinem „Wattfieber“ angesteckt und für die fragile Natur sensibilisiert.

Von Heike Arends


Zur Person ...

Albertus Akkermann ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Gemeinsam mit seiner Frau Lisa, die er auf dem Festland kennenlernte, vermietet er auf Borkum Ferienwohnungen im „Haus Akkermann“. Zudem ist er in der Kommunalpolitik aktiv und engagiert sich im Borkumer Stadtrat unter anderem für die Umwelt. Unterwegs ist er auf der Insel als Wattführer, bekannt ist er aber auch als Musiker. Als solcher tritt er nicht nur auf Borkum auf, sondern ebenfalls auf dem Festland. Neben seinem Heimatort ist er auch in Oldenburg wohnhaft, wo er nach dem Abitur ein Lehramtstudium begann.